Carl von Linde

Angefangen hat alles mit dem Ingenieur Carl von Linde. Auf Anraten seines Arztes sollte er 1872 nach Berchtesgaden reisen, um sich dort von den Strapazen seiner Arbeit zu erholen. Nach Wochen der Erholung auf dem Salzberg ließ ihn das Berchtesgadener Land nicht mehr los und er kam mit der Familie immer wieder zur Sommerfrische hierher. Unter anderem waren sie 1883 und 1884 auch in der eigentlichen Keimzelle des Tourismus am Salzberg, der Pension Moritz zu Gast. Im September 1884 kaufte Carl von Linde die Lehen Baumgart und Antenberg und ließ das Unterbaumgart zur Sommerwohnung umbauen. Dort verbrachten die Lindes mit vielen Gästen einige Sommer, bis sie 1888 in die neu erbaute Villa Oberbaumgart umzogen. 1905 wurde das Oberbaumgart verpachtet mitsamt der neu erbauten Pension Antenberg. Carl von Linde und die Seinen gaben Berchtesgaden aber nicht auf, sondern kamen als Gäste ins eigene Oberbaumgart immer wieder. Das Feriendomizil bot für die größer werdende Zahl der Kinder und Kindeskinder nicht genügend Platz und damit beginnt die Geschichte des Schiedköpfls.
Ein Geschäftsmann aus Apolda war während der Inflation nach dem ersten Weltkrieg zu Reichtum gekommen und kaufte davon das Gelände am Hochtorn, das bis dahin im Besitz des Angererhäusels unterhalb stand. Auf diesem Gelände ließ er ein recht herrschaftliches Haus erbauen. Dabei ging ihm aber das Geld vorzeitig aus und das Anwesen mitsamt dem Rohbau kam in die Konkursmasse und sollte versteigert werden. Es fand sich allerdings kein Käufer.

 Ingenieur Carl von Linde

Ingenieur Carl von Linde

 

Hinten, v.l.n.r.: Hildegard, Adelheid, Johannes und Gertrud, Vorne: Elisabeth und Rudolf Wucherer.

 1926 entschliesst sich Rudolf Wucherer den Rohbau zu erwerben

Elisabeth, eine Tochter Carl von Lindes und ihr Ehemann Rudolf Wucherer spazierten vermutlich häufiger mit ihren Kindern Johannes, Hildegard, Gertrud und Adelheid vom Obersalzberg herüber und die Kinder nutzten die Bauruine wohl zum Spielen. 1926 entschloss sich Rudolf Wucherer dann, den Rohbau zu erwerben. Er veränderte die Pläne etwas und ließ den Bau fertigstellen. Die Familie Wucherer hatte ein eigenes Feriendomizil am Hochtorn auf dem Untersalzberg. Das Haus erhielt in Anlehnung an die umlegenden Flur- und Hausnamen wie Schiedlehen, Schiedhäusl oder Schiedbichl den passenden Namen Schiedköpfl.

Im Winter 1927 wurde in das leerstehende Haus eingebrochen und so entschloss sich Rudolf Wucherer, neben das Schiedköpfl ein kleineres Haus zu bauen, in das ein Hausmeister ganzjährig einziehen sollte. Das Häuschen wird bis heute Schiedkröpfl genannt.

4. Reihe v.l.n.r.: Irmgard Kelber, Sieglinde Wucherer, Ingeborg Linde, Erika Linde. 
3. reihe: Ursula Kelber, Elisabeth Wucherer, Dieter Linde, Johannes Wucherer.
2. Reihe: Gertrud Kelber, Hildegard Linde, Adelheid Wucherer, Gerhard und Dorothea Kelber, Gisela Wucherer
Vorne: Wolfgang Kelber, Elisabeth Wucherer, Rudolf Kelber, Rudolf Wucherer, Hildegund Wucherer, Mechthild Kelber.

In den folgenden Jahren erlebte das Schiedköpfl die unterschiedlichsten Besucher. Es waren Freunde und Bekannte der Familie, aber auch Menschen, die sich sonst keinen Urlaub hätten leisten können und von Rudolf Wucherer deshalb eingeladen wurden.

Nach 1933 veränderte sich das Nachbardorf Obersalzberg zusehends. Adolf Hitler zerstörte das alte Dorf und ließ an dessen Stelle Prunkbauten errichten und Bunker in den Berg bohren. Wer mehr darüber erfahren möchte, dem sei das Buch „Nachbar Hitler“ von Ulrich Chaussy und Christoph Püschner empfohlen. Es ist im Ch. Links Verlag, Berlin erschienen und beleuchtet eindrucksvoll den Führerkult und die Heimatzerstörung am Obersalzberg. Der Untersalzberg und damit auch das Schiedköpfl blieben glücklicherweise von all diesen Geschehnissen weitestgehend verschont.

Nach 1947 wurde das Schiedköpfl zwangsweise mit Flüchtlingen belegt. Die Fremdbelegung, die zunächst das ganze Haus bis auf zwei Zimmer im ersten Stock betraf, dauerte noch bis in die 60er Jahre an.

1950 wurde auf dem zum Haus gehörigen Gelände die Mittelstation der Obersalzbergbahn gebaut, daher stehen die Seilbahnfreikarten zur Verfügung.

Nach dem Tod von Elisabeth (1959) und Rudolf Wucherer (1966) ging das Schiedköpfl in den Besitz ihrer vier Kinder über. Als Erbengemeinschaft unterhielten und verwalteten sie das Haus, renovierten und bauten um und belebten das Haus und das Grundstück mit vielen Kindern und Kindeskindern.

2. Reihe, v.l.n.r.: Ingeborg Linde, Sieglinde Wucherer, Irmgard Kelber, Erika Linde, Ursula Kelber, Dieter Linde, Dorothea Kelber. Vorne: Wolfgang und Rudolf Kelber, Hildegard Wucherer, Mechthild Kelber, Gisela Wucherer, Gerhard Kelber.

In den 90er Jahren verstarben die beiden Schwestern Adelheid und Hildegard. Nach dem Tod der beiden Schwestern und der Übernahme der Verwaltung des Hauses durch Heinz und Gisela Schilling, entstand wieder ein Dialog zwischen den Familienzweigen zum Wohle des Hauses. Gerhard Kelber und Heinz Schilling entschlossen mit dem Einverständnis aller Familienzweige einen Verein zu gründen, den Familienverbund Schiedköpfl e.V. Dies war die bisher einschneidenste Veränderung am Schiedköpfl, aber der Fortbestand des Hauses im Sinne des Erblassers wurde damit gesichert. Nach der Gründung des Vereins 1995 hat sich bis heute einiges verändert in und um das Schiedköpfl. Das Schiedkröpfl wurde umgebaut, das Schiedköpfl an die öffentliche Wasserversorgung und Kanalisation angeschlossen und mit einem neuen Dach aus Kupfer versehen, der Spielplatz mit neuem Gerät versehen, das Bad im ersten Stock neu gefliest und die Küchen erneuert.

2005 verstarben die beiden Geschwister Johannes und Gertrud als letzte aus der früheren Erbengemeinschaft.

Für Interessierte sei abschließend auf das Büchlein „Die Geschichte unseres Familienhauses auf dem Salzberg“ von Fritz Kelber hingewiesen, in dem er etwas ausführlicher auf die Entstehung und die ersten Jahre des Hauses eingeht.

 

 

Text: Siegfried Krieger